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Hun­der­te klei­ner Hän­de haben hier 19 Jah­re lang im Schat­ten des Kirsch­bau­mes Matsch­bur­gen gebaut, im Sand gebud­delt, Gemü­se ange­pflanzt, mit Holz­spiel­zeug gebaut und Fuß­ball gespielt. Doch die Bil­der­buch-Idyl­le in der Kita „Im Kän­gu­ru” steht vor dem Aus: Die Eltern­in­itia­ti­ve in der Mari­en­bur­ger Stra­ße im Wins­vier­tel hat vom Ver­mie­ter die Kün­di­gung der Gewer­be­räu­me erhal­ten.

Im Mai 2019 erfuh­ren die Eltern, dass der Miet­ver­trag zum Dezem­ber 2019 aus­lau­fen soll, der Ver­mie­ter hat­te sich dann noch mal auf eine Ver­trags­ver­län­ge­rung bis August 2021 ein­ge­las­sen, doch dann soll end­gül­tig Schluss sein. War­um, wis­sen die rund 30 betrof­fe­nen Fami­li­en und fünf Erzie­he­rin­nen und Erzie­her bis heu­te nicht: „Wir kön­nen nur spe­ku­lie­ren, der Ver­mie­ter ist zu kei­nen Gesprä­chen bereit”, sagt Tere­sa Haupt­mann, die meh­re­re Jah­re im Vor­stand des Kin­der­la­dens tätig war und inzwi­schen ihr zwei­tes Kind „Im Kän­gu­ru” betreu­en lässt.

Vor rund fünf Jah­ren hat Babet­te Sper­le vom Dach­ver­band Ber­li­ner Kin­der- und Schü­ler­lä­den (DaKS) ange­fan­gen, Fäl­le zu doku­men­tie­ren, bei denen Kin­der­lä­den ent­we­der die Kün­di­gung aus­ge­spro­chen wur­de oder deren Miet­ver­trä­ge nicht ver­län­gert wur­den. Sper­le, in deren Ver­band rund 800 Ein­rich­tun­gen Mit­glied sind, kommt inzwi­schen auf fast 80 sol­cher Fäl­le. „In der Zeit vor fünf Jah­ren kam so etwas nur mar­gi­nal vor, inzwi­schen ver­geht fast kei­ne Woche mehr, in der sich nicht betrof­fe­ne Kitas mit der Bit­te um Hil­fe an mich wen­den”, sagt Sper­le. Gera­de erst hat sie zum Bei­spiel den Fall der Kreuz­ber­ger Kita „Trau Dich” auf den Tisch bekom­men: Der seit 25 Jah­ren bestehen­de Kin­der­la­den hat am 24. Okto­ber erfah­ren, dass der Ende des Jah­res aus­lau­fen­de Miet­ver­trag wegen Umwid­mung der Räum­lich­kei­ten zu Büro­räu­men von der Ver­mie­te­rin nicht ver­län­gert wird. 

45 der fast 80 von Sper­le doku­men­tier­ten Fäl­le sind inzwi­schen abge­schlos­sen: Zwei Kin­der­lä­den muss­ten geschlos­sen wer­den, 13 muss­ten aus­zie­hen, zwei haben die Gewer­be­räu­me kau­fen kön­nen und 25 haben eine Ver­län­ge­rung oder durch Miet­ver­hand­lun­gen eine Eini­gung mit dem Ver­mie­ter erzielt. „Dies bedeu­tet dann aber im Ein­zel­fall eine Erhö­hung der Mie­te von bei­spiels­wei­se sie­ben Euro auf 20 Euro pro Qua­drat­me­ter”, sagt Sper­le kopf­schüt­telnd. Nur in drei Fäl­len konn­te die Situa­ti­on so geklärt wer­den, dass sich für die Kin­der­lä­den nichts ändert.

Längst betrifft die dro­hen­de Ver­drän­gung auch nicht mehr nur selbst­ver­wal­te­te Kitas in kin­der­rei­chen Stadt­tei­len wie Prenz­lau­er Berg oder Fried­richs­hain. Auch in Alt-Pan­kow, in Wil­mers­dorf, Lich­ten­berg oder Zehlen­dorf sei­en Ein­rich­tun­gen betrof­fen, so Sper­le. Dies sei ein Phä­no­men, des­sen nega­ti­ve Aus­wir­kun­gen auf die gesam­te sozia­le Infra­struk­tur der Stadt und den gewach­se­nen Wert ein­zel­ner Kieze noch gar nicht rich­tig abzu­schät­zen sei. 

Und was tut die Poli­tik? Sper­le betont, dass man hier sehr klar dif­fe­ren­zie­ren müs­se: Im Abge­ord­ne­ten­haus gebe es ein sehr hohes Enga­ge­ment und eine hohe Sen­si­bi­li­tät für die Pro­ble­ma­tik. Der Senat hel­fe, in dem er die betrof­fe­nen Kitas in das „Lan­des­pro­gramm Kita-Aus­bau” auf­neh­me, so dass die­se zum Bei­spiel bei einem not­wen­di­gen Umzug finan­zi­el­le Unter­stüt­zung erhiel­ten. Und die Kita-Auf­sicht zei­ge ein gro­ßes Ent­ge­gen­kom­men, in dem sie sich schnell und unbü­ro­kra­tisch bei der Abnah­me neu­er Räum­lich­kei­ten ver­hal­te. Recht unter­schied­lich ver­hal­ten sich nach Sper­les Erfah­rung die ein­zel­nen Bezir­ke: Man­che las­sen eine akti­ve Unter­stüt­zung ver­mis­sen, ande­re wür­den ver­su­chen, mit Ver­mie­tern und Eigen­tü­mern ins Gespräch zu kom­men oder mit­hel­fen, nach räum­li­chen Alter­na­ti­ven zu suchen.

Im Fall der Kita „Im Kän­gu­ru” ist dies Sozi­al­stadt­rä­tin Rona Tiet­je (SPD), von der die Eltern des Kin­der­la­dens erzäh­len, dass sie sich bei einem per­sön­li­chen Gespräch im Som­mer nicht sehr unter­stützt gefühlt haben. Im Tele­fo­nat mit Tiet­je wirkt es, dass sie der Pro­ble­ma­tik der dro­hen­den Ver­drän­gung gewach­se­ner sozia­ler Infra­struk­tur inzwi­schen mehr Bedeu­tung bei­misst als mög­li­cher­wei­se zuvor: „Die dro­hen­de Ver­drän­gung ist ein rie­si­ges Pro­blem, und es betrifft alle sozia­len Trä­ger, dar­un­ter natür­lich vie­le Kitas aber auch Bera­tungs- und Betreu­ungs­an­ge­bo­te, Trä­ger­woh­nun­gen für Jugend­li­che, Woh­nun­gen für psy­chisch Kran­ke, Begeg­nungs­stät­ten oder Senio­ren­hei­me.” 

Tiet­je for­dert daher auf Bun­des­ebe­ne einen stär­ke­ren Schutz für das sozia­le Gewer­be, für das es bis­her kei­nen Mie­ten­de­ckel, kei­ne Miet­preis­brem­se, kei­nen Kün­di­gungs­schutz und kein Vor­kaufs­recht gibt. Tat­säch­lich hat der Ber­li­ner Senat beim Bun­des­rat einen Antrag für eine gesetz­li­che Preis­brem­se für Gewer­be­mie­ten ein­ge­reicht. Wie groß die Erfolgs­aus­sich­ten für eine sol­che Geset­zes­än­de­rung sind, ist offen. Im Fall der bedroh­ten Kita „Im Kän­gu­ru” habe sie ihre Kol­le­gen von der Wirt­schafts­för­de­rung gebe­ten, sich nach geeig­ne­ten neu­en Räum­lich­kei­ten im Bezirk umzu­se­hen, so Tiet­je.

Der Bezirk Pan­kow konn­te in der jüngs­ten Ver­gan­gen­heit durch direk­tes Ein­grei­fen zumin­dest zwei von Ver­drän­gung bedroh­te Kitas ret­ten, indem er, wie ich im ver­gan­ge­nen News­let­ter berich­tet habe, im Fal­le der Gleim­stra­ße 56 von sei­nem Vor­kaufs­recht für ein zum Ver­kauf ste­hen­des Haus Gebrauch mach­te und für das Haus Görsch­stra­ße 40 Abwen­dungs­ver­ein­ba­run­gen erzie­len konn­te, um Luxus­sa­nie­run­gen und die Umwand­lung in Eigen­tum zu ver­hin­dern. 

Sper­le vom DaKS, die sich für einen Kiez-abhän­gi­gen Mie­ten­de­ckel für Gewer­be­ein­hei­ten in Ber­lin aus­spricht, hegt noch eine ande­re lei­se Hoff­nung: Sie erzählt von dem Fall einer Hes­si­schen Buch­hand­lung, die sich 2017 juris­tisch erfolg­reich gegen ihre Kün­di­gung zur Wehr set­zen konn­te und dies mit fol­gen­dem Argu­ment: Eine gewach­se­ne Infra­struk­tur zu erhal­ten sei not­wen­dig, wol­le man nicht die Ver­schlech­te­rung der Lebens­si­tua­ti­on der Anwoh­ner in Kauf neh­men.

Wie es für die Kita „Im Kän­gu­ru” wei­ter­geht, steht der­zeit aller­dings in den Ster­nen. Die Eltern haben für die Suche nach alter­na­ti­ven Räum­lich­kei­ten eine Task­force gebil­det und auch eine Inter­net­sei­te ver­öf­fent­licht. Kon­kret suchen sie Gewer­be­räu­me zur Mie­te oder zum Kauf mit min­des­tens 160 Qua­drat­me­ter Innen- sowie min­des­tens 180 Qua­drat­me­ter Außen­flä­che. Ganz her­aus aus dem Win­s­kiez oder aus Prenz­lau­er Berg möch­ten sie am liebs­ten nicht, aus Angst, dass dies die bestehen­de Struk­tur zer­rei­ße: Ein zu lan­ger Anfahrts­weg sei für die meis­ten Eltern und auch Erzie­her orga­ni­sa­to­risch kaum zu stem­men. Doch Orga­ni­sa­to­rin Haupt­mann will die Augen vor mög­li­chen Not­wen­dig­kei­ten ange­sichts der sehr ange­spann­ten Situa­ti­on für Gewer­be­räu­me in Ber­lin nicht ver­schlie­ßen: „Bevor wir gar nichts fin­den, wür­den wir auch wei­te Wege in Kauf neh­men.”

An die­ser Stel­le noch eine klei­ne Kor­rek­tur: In mei­nem letz­ten Pan­kow News­let­ter am 24. Okto­ber habe ich in der Rubrik Nach­bar­schaft die Demons­tra­ti­on am 4. Novem­ber 1989 als „Mon­tags­de­mons­tra­ti­on” bezeich­net, was natür­lich Unsinn ist. Der vier­te Novem­ber, an dem die gro­ße Demons­tra­ti­on auf dem Alex­an­der­platz statt­fand, war ein Sams­tag. Ich dan­ke dem auf­merk­sa­men Leser, der selbst an die­ser Demons­tra­ti­on teil­ge­nom­men hat, für sei­nen Hin­weis.

Foto: Kit­ty Kleist-Hein­rich

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